Historische Verantwortung für die Zukunft

gedenktag_2017_schueler_theaterstueck_10Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus am Augustaschacht

Weit über 150 Menschen hatten sich am 27. Januar im ehemaligen Häftlingsraum der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen-Ohrbeck versammelt, darunter über 50 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 der Realschule Georgsmarienhütte. Gemeinsam gedachten sie der Opfer des Nationalsozialismus. Die zentrale Feier für Stadt und Landkreis Osnabrück hatte der Landschaftsverband Osnabrücker Land ausgerichtet.

Foto LVO: In kleine Szenen setzten Schülerinnen und Schüler der Realschule Georgsmarienhütte drei reale mit dem Augustaschacht verbundene Biografien um.

Gedenkstättenleiter Dr. Michael Gander begrüßte außer Kantor Baruch Chauskin von der Jüdischen Gemeinde Osnabrück und Manfred Böhmer, Vorsitzender des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti, auch die Schülerinnen und Schüler der Realschule, ihren Schulleiter Berthold Aulenbrock und Projektleiterin Maren Stindt-Hoge. Aulenbrock wies auf die durch das niedersächsische Schulgesetz auferlegte Aufgabe der Schulen hin, die Befähigung zu Verantwortung, zur demokratischen Gestaltung, zum Handeln nach ethischen Grundsätzen, zur Völkerverständigung und zum Zusammenleben mit anderen Kulturen zu vermitteln. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich daher in einem kleinen Theaterstück mit der Leidensgeschichte eines Zwangsarbeiters auseinandergesetzt, Texte des Niederländers Phida Wolff in einer Toncollage verarbeitet, eine Ausstellung mit Fotos, Zeichnungen und Plastiken vorbereitet, einen kleinen Film produziert und zwei Gesangsstücke einstudiert – alles unter dem Leitgedanken „Stimmen der Vergangenheit“.
Lehrerin Stindt-Hoge berichtete, wie ergriffen ihre Schützlinge nach Besuchen in der Gedenkstätte Augustaschacht gewesen seien: „Das ist etwas ganz anderes, als das Thema Nationalsozialismus theoretisch abzuhandeln. Die Jugendlichen konnten gar nicht mehr aufhören, über das Erfahrene zu berichten und haben für die Gedenkfeier diese vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten gefunden, um die bedrückende Atmosphäre des Ortes wiederzugeben.“
„Das wird schon nicht so schlimm!“, meinen im Theaterstück sowohl die Mutter eines jungen Soldaten als auch die eines jungen Fremdarbeiters, als die Söhne sich beide freiwillig melden – der eine „zur Verteidigung der deutschen Ostgebiete“, der andere „zum Aufbau des Deutschen Reiches“. Die beiden treffen unvermeidlich aufeinander, als Aufseher der eine, als Insasse eines Zwangsarbeiterlagers der andere.

Nach den insgesamt in ihrer Eindringlichkeit unter die Haut gehenden künstlerischen Beiträgen der Realschule Georgsmarienhütte dankte Kreisrat Matthias Selle als Vertreter des Landkreises Osnabrück den Schülerinnen und Schülern in seiner Ansprache. Sie hätten damit „erfahren, dass es eine historische Verantwortung für die Zukunft“ gibt. Direkt vor dem Mahnmal Augustaschacht betonte er zugleich: „Jeder Leugnung oder Verharmlosung dieser unsagbaren Tatsachen ist mit Entschiedenheit und mit Zivilcourage entgegenzutreten. Unser Gedenken kann nur ein Versuch sein, den Opfern die ihnen geraubte Menschenwürde zurückzugeben. Aber er kann sinnstiftend wirken, wenn wir aus dem leidvollen Schicksal der Ermordeten Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft ziehen. Daher setzen wir mit unserem Hiersein zugleich ein klares Zeichen gegen Rassismus, Fremdenhass und Antisemitismus sowie gegen jede weitere Form von Diskriminierung.“

Gemeinsam mit Michael Hagedorn als Vertreter der Stadt Osnabrück legte Selle anschließend einen Kranz vor dem Mahnmal nieder.

gedenktag_2017_chauskin_1Baruch Chauskin, Kantor der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, sang auf Hebräisch das bewegende El Male Rachamim, die Totenklage, für seine in den Konzentrationslagern umgekommenen Glaubensgenossinnen und Glaubensgenossen. Foto: LVO

Manfred Böhmer, Vorsitzender des Niedersächsischen Verbandes deutscher Sinti ging vor seinem traditionellen Gebet noch einmal auf das zuvor von den Jugendlichen Aufgeführte ein: Ihm sei ein bisschen schlecht geworden, denn alles hätte ihn daran erinnert, was Sinti und Juden unter dem Nationalsozialismus erlitten hatten. Junge Menschen könnten noch geprägt werden, das beste Lesebuch dabei seien die Eltern – und damit seien alle Anwesenden gefragt. Im Gebet bat Böhmer abschließend um klare Augen und eine klare Sichtweise. Er wünschte sich, dass sich alle Anwesenden bei den Menschen einreihten, die demokratisch denken und danach handeln. Er habe Hoffnung „in dieses Deutschland“ und darauf, dass das Gute siegt.

LVO

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