Erneste Junge zu Mary Wigman

DANSE MACABRE: Dem Tod, Tanz und letztendlich dem Leben verschrieben haben sich als Gemeinschaftsprojekt vom 11. Februar – 25. Juni 2017 Theater, Felix-Nussbaum-Haus und Kunsthalle sowie Diözesanmuseum Osnabrück und Kunstraum hase29. Gemeinsam kommen sie auf jeweils eigene Weise dem Tod, Tanz und Leben auf die Spur zwischen Kunstgeschichte, zeitgenössischen Gegenentwürfen und (Neu)inszenierungen, Konzerten, Lesungen und Vorträgen.
Das Theater Osnabrück zeigt in DANSE MACABRE zwei Rekonstruktionen der Totentänze I und II von Mary Wigman (1887 – 1973).

Erneste Junge hat bei den Wigmanschülerinnen Else Lang, Köln (61-65) und Manja Chmièl, Berlin (66-69) Tanz studiert. Sie lebt und arbeitet in Osnabrück, lehrt seit Jahrzehnten Ausdruckstanz und Performance als Tänzerin und Choreografin – und hat Mary Wigman selbst kennengelernt.
Ein Interview mit Erneste Junge zu Mary Wigman…


E.J.: „Mary Wigman (geb. 1887) hat das Visionäre, das ihre Tanzsprache prägte, im Zeitgeist des beginnenden 20. Jahrhundert vor Beginn des 1. Weltkrieges in sich gespürt und entwickelt. Ihre Zeit war geprägt durch Freikörperkultur und beginnenden Expressionismus in der Kunst, sie befreite sich aus bürgerlichem Elternhaus und studierte ab 1910-13 rhythmische Gymnastik im neu gegründeten Hellerau bei J. Dalcroze.

Man befreite sich aus bürgerlicher Enge, löste sich von sozialen und moralischen Zwängen und drängte und entdeckte die Natur neu. Mary Wigman traf im Alter von 26 Jahren nach dem Studium bei Dalcroze, was aber für ihre künstlerisch- tänzerischen Vorstellungen nicht genug an Freiheit war, 1913 auf den Lebensreformer R. von Laban auf dem Monte Verità bei Ascona, wo auch H. Hesse sich neu entdeckte. Man tanzte zu Trommelschlägen, locker bekleidet und barfuß. Wigman erinnerte sich dazu, dass es gewesen wäre, als käme sie nach Hause.

Prophetin des Ausdrucktanzes
Das revolutionäre an dieser ‚High Princess of German Dance‘, wie sie Anfang der 20iger Jahre in Amerika bejubelt wird – und als Prophetin des Ausdruckstanzes, des ‚Barefoottanzes‘ zurückkommt, war, dass sie die Menschen, die ihre Solo- und Gruppenchoreographien erlebten, als Individuen ansprach, sie bei ihren eigenen inneren Befindlichkeiten ‚abholte‘. Was faszinierte und betroffen machte, war das Unmittelbare des Tanzes, in der spürbar die Empfindung die körperlich, tänzerische Aktion bestimmte. Oft wurden Masken verwendet, um von der konkreten Person des Tanzenden ganz zu abstrahieren und den körperlichen Ausdruck allein in den Vordergrund zu stellen. Es waren kraftvolle, heftige Körpergesten, dynamisch schwungvolle Bewegungen, Bodenhaftung eine Ausdruckssprache, die androgyn war, entsprechend dem Menschenbild der 20iger Jahre. Was Männer eigentlich tanzten, stand jetzt auch den Frauen zu.

Tanz als kreativer Prozess
Für Wigman war der kreative Prozess,  wie in ein ‚Sanktuarium‘ einzutreten, sie folgte ihren inneren Bildern und machte sich frei von musikalischen Vorlagen. Diese Vorgehensweise war nach ihrer langjährigen Ausbildung bei dem Rhythmiker Dalcroze in Hellerau von 1910-13 wie ein Affront, denn es wurde nach Musik getanzt, ihr war aber die Eigenständigkeit körperlichen Ausdrucks wichtig. Als sie gefragt wurde, warum sie Tänzerin werden wolle, antwortete sie einmal: „Weil der Tanz in seinem Ursprung lebendiges Leben ist und in seinen gleichnishaften Spiegelungen von diesem Leben kündet. Dazu wollte ich mich bekennen, mit allen Fasern meines Wesens.“ (Zitat aus „Mary Wigman – Leben und Werk der großen Künstlerin“ von Hedwig Müller) Wigman`s herausragende tänzerische und choreographische Leistung war, die menschliche Natur mit all ihren Anteilen, auch den verborgenen und tabuisierten widerzuspiegeln, was auf die, die ihren Tanz und ihre Choreographien erleben durften, überströmte und in Bann zog.

Begegnung mit Mary Wigman
Ich selbst habe 1972 Mary Wigman in einer Unterrichtsstunde von ihr in ihrem Studio in der Rheinbarbenallee in Berlin erleben dürfen. Es war eine Begegnung zwischen Mary Wigman und Else Lang, meiner Wigmannlehrerin, die ihre Schule in Köln hatte und bei der ich von 62-65 Ausdruckstanz und Gymnastik studiert habe. Else Lang war ehemalige Schülerin und Tänzerin bei Wigman und war anlässlich einer Gymnastrada mit ihren Schülern in Berlin, für mich ein spektakuläres Zusammentreffen zweier starker Persönlichkeiten. Mary Wigman hat viele starke TänzerInnen hervorgebracht, von denen ich einige kennen- und schätzen gelernt habe, Manja Chmiel, bei der ich von 65-68 in Berlin studierte und Brigitta Herrman, Group Motion, Philadelphia, mit der ich in den 70igern in Philadelphia und Berlin, dann in den 80igern und 90igern in Philadelphia und Osnabrück zusammen gearbeitet habe.“

Zu Erneste Junge
Nachdem Erneste Junge bei den Wigmanschülerinnen Else Lang, Köln (61-65) und Manja Chmièl, Berlin (66-69) Tanz studierte, folgte die Weiterbildung in Contactimprovisation mit Bob Rease, Berlin (80-81) sowie Fortbildung in Butohtanz mit Kazuo Ohno, Göttingen und Anzu Furokawa, Berlin. Multimediaprojekte mit Group Motion, Philadelphia, USA von (72-76). Gründung der Tanztheatergruppe AYRAN, Berlin (74-78) in Zusammenarbeit mit dem Media Center Kreuzberg. Ab 79 in Osnabrück als Tänzerin und Choreografin frei arbeitend; Leiterin mehrerer Tanztheatergruppen, DYNA-MA (80-89), STAKKATO seit 90, Soloperformances im In- und Ausland, u.a. Gus und USA.
www.ernestejunge-tanz.de

sws

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