„Es gibt viel Gutes.“

Interview mit Nadia Nashir-Karim, Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins e.V. mit Sitz in Osnabrück zur Kultur in Afghanistan www.afghanischer-frauenverein.de

Du hast kürzlich den „Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“ für herausragendes Engagement erhalten.

Wie hast Du es empfunden, diese Auszeichnung am Weltfrauentag zu bekommen?

Ich habe diesen Preis bekommen in Vertretung für alle Frauen, die im Verein arbeiten und vorallem für die Menschen in Afghanistan, die tagtäglich unsere Projekte betreuen. Es war eine Anerkennung, es motiviert uns bei der Arbeit – eine schöne Geste und ein schönes Geschenk.

Wir als Frauenverein setzen uns insbesondere für die Interessen der Frauen und Kinder ein.
Für die Frauen (in Afghanistan) und uns war das ein sehr wichtiger Preis.

Zur Kultur in Afghanistan – was hat sich dort in den letzten Jahren getan?

In der Kultur hat sich viel getan, vorallem seit den letzten 16 Jahren.

Zum Bereich Film: Es gibt eine Gruppe von jungen Filmemachern, die sehr engagiert kritische und soziale Filme machen, die auch auf internationalen Festivals gelaufen und (auch teils) prämiert worden sind.

Zur Bildenden Kunst: Gerade in den Großstädten in Universitäten und Fachhochschulen arbeiten Studenten. Die Universität Herat ist sehr fortschrittlich. Sie macht sehr interessante Projekte – vom Konzept her Miniaturarbeit verbunden mit Avantgardistischem.

Im Bereich der Literatur: Es gibt in Afghanistan viele Schriftsteller, die vorallem Kurzgeschichten schreiben und über 300 Zeitschriften und Zeitungen. Es gibt landesweit über 150 Fernseh- und Radiosender regional und auch überregional. Das bekannteste ist das Toloh News Fernsehen, das man auch im Ausland und auch weltweit empfangen kann.

Die Vernetzung zwischen den jungen Leuten mit social media spielt eine sehr große Rolle. Man bekommt sehr schnell sehr viele Nachrichten auch aus den entferntesten Dörfern.
Wenn ich jetzt sehe – überall kann ich dort kostenlos telefonieren, ich bekomme Bilder, ich bekomme Informationen, kleine Videos oder Dokumente, und so geht es auch im Austausch.
Wenn die Straßen auch gesperrt sind – die Handys funktionieren.

Im Bereich Radio: Es gibt sehr viele junge Journalisten, sowohl private als auch öffentliche Sender, die auch in den Großstädten sehr interessante Sendungen machen. Ich habe Frauen gesehen in Kunduz, die Burka tragen und in die weitesten Dörfer gehen, um Interviews zu machen. Sie sagen: „Ich trage diesen Schleier, nehme das Mikrofon oder mache einen Film und gehe einfach hin.“

Afghanistan ist ein Land mit 32 Millionen Einwohnern, über 70% sind unter 25 Jahre alt. Das heißt, die junge Generation hat zum großen Teil den Krieg nicht direkt und unmittelbar erlebt. Sie haben die Folgen schon gesehen, aber sie wollen ein neues Leben. Sie sind mutig, hartnäckig und suchen immer nach einer neuen Perspektive. Gerade im Bereich Film, Malerei. Musik.

Im Bereich Musik haben viele junge Leute Bands gegründet, sowohl im klassischen Bereich aber vorallem im Popbereich. Es gibt Sendungen wie „Wer wird der neue Superstar?“ in Afghanistan oder auch andere, die Musikstücke schreiben. Neulich war in Berlin eine Aufführung von einer jungen Afghanin, die Dirigentin, 25/26jährig war. Ich könnte sehr viel erzählen.

Wenn ich an meine Zeit denke – in den 1970er Jahren hatten wir ein eigenes Kino und Theater in Kunduz. Es war sehr professionell. Da liefen indische, afghanische westliche und iranische Filme. Das Kino hat (generell) seine Stellung verloren: Es wird heute sehr viel zuhause, Netflix oder DVDs angeguckt.

Gibt es Zensur?

Trotz der relativen Pressefreiheit gibt es Zensur, vor allem, wenn es gegen die Religion spricht. Wenn in den Printmedien und öffentlich-rechtlichen aber auch in den privaten Sendern bestimmte Thematiken – die Rolle der Frau oder der Religion – kritisiert werden, die den islamischen Gelehrten nicht gefallen, wenn jemand strenggläubig ist und dann Probleme bekommt.

Das ist das eine aber vor allem es gibt eine andere Zensur, wo die Journalisten unter harten Bedingungen arbeiten müssen Die jungen Afghanen interessieren sich sehr für Politik. Wenn sie zu kritische Fragen einem Politiker stellen, der viel Macht hat, werden sie bedroht. Dann dürfen sie das nicht schreiben.

Es wird alles gespielt. Es gibt Videoclips. Frauen erscheinen auch ohne Kopftuch in sehr freizügiger Kleidung im afghanischen Fernsehen, die werden auch in Nachbarländern produziert. Es sind meistens Clips, wo es fast immer um das Gleiche geht: um die Liebe. Es gibt auch Familiendramen, soziale Dramen. Wenn man die Religion antastet in bestimmten Bereichen, das ist eine Willkür. Diese Zensur ist eine Willkür.

Was mir sehr am Herzen liegt ist, dass man Afghanistan nicht nur mit Krieg vergleichen kann, mit Burka, Al Kaida, Taliban und Drogen. Wir haben eine 4000 Jahre alte Kultur, wir sind ein Vielvölkerstaat neben Schrecklichen und Selbstmordattentaten, was auch in der Tat geschieht und auch Frauenunterdrückung.
Es gibt viel Gutes. Wie ich schon gesagt habe, die Szene der Musik-, Film,- Kulturlandschaft, der vielen jungen Leute. Es gibt einen großen Garten in Kabul, wo oft Ausstellungen und Aufführungen von Künstlern, Musikauftritten, Theater und Kino gezeigt werden. Wie Zensur genau per Gesetz geregelt ist, müsste ich mich selber näher informieren.

Ich freue mich, dass Du über die Kultur fragst, so etwas werde ich selten gefragt. Meistens geht es in den Fragen an mich um Katastrophen oder Sensationen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sonia Wohlfarth Steinert

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