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Photographien von Caro Haas und Lukas Gruenke, Universität Osnabrück, 4.-18.11.2017 im Intervision-Studio, Temporäre Galerie für Fotografie und angrenzende Richtungen, Lohstr. 58 (Hinterhaus), 49074 Osnabrück, Öffnungszeiten: do / fr 16-18 / sa 12-14,  www.intervision-net.de
osnabrueck-kultur Interview mit Caro Haas, die digital, Lukas Gruenke, der schwarz-weiß mit einer Mittelformatkamera fotografiert hat und Friederike von Behren, Universität Osnabrück, die das Thema und die beiden für eine Ausstellung ausgesucht hat…

* Caro Haas, Sie waren einige Monate in Neuseeland mit der Kamera unterwegs. Wie war Ihre fotografische Intention?

Es waren 2,5 Monate. März bis Mitte Mai 2017.
In erster Linie ging es mir darum Landschaft abzubilden, wie ich sie erlebt habe. Das heißt also zuerst die Landschaft wahrzunehmen. Nach dieser Erfahrung habe ich dann interessante Ausschnitte photographiert. Für dieses Vorgehen war es mir auch wichtig verschiedene Blickwinkel abzubilden. Schließlich waren es nicht immer die Panoramen, die mein Interesse geweckt haben sondern Details, bei denen ich auch noch Monate später weiß an welcher Stelle ich diese photographiert habe.
Im Laufe meiner Reise habe ich außerdem immer mehr darauf geachtet, wie sich andere Touristen, mit Kameras bewaffnet, verhalten. Dazu entstand die vierteilige Reihe „Pictures of People Taking Pictures“.

* Welche Erfahrungen haben Sie fotografisch auf der Reise gemacht?

Vor allem wurde mir das Spannungsfeld bewusst in dem man sich bewegt, wenn man einerseits Landschaft wahrnehmen und genießen möchte, andererseits aber stets mit photographischem Blick umherwandert. So habe ich versucht für einige Strecken auf meinen Wanderungen die Kamera nicht griffbereit zu haben. Aus dieser Erfahrung und der Furcht Neuseeland nur durch die Linse zu sehen, sind dann eben auch die „Pictures of People Taking Pictures“ entstanden.

* Sie haben ein Buch erstellt auf der Reise. Sehen wir darin auch andere Motive als in der Ausstellung? Und warum?

Erst einmal hat das ganz pragmatische Gründe. So musste für die Ausstellung eine Auswahl getroffen werden, die sowohl von der Ausstellungsfläche, als auch von der Beziehung zu Lukas‘ Arbeiten abhängig war. Schließlich bot sich das Thema „Weg“ an. Mit diesen Bildern möchte ich gewisser Weise die betrachtenden Personen auf meine Wanderungen mitnehmen. Gleichzeitig zeige ich aber auch Detailaufnahmen, die auf ebendiesen Wanderungen entstanden sind. So erfahren die Betrachtenden eine zweite Sichtweise auf die neuseeländische Natur, die aus meiner Sicht mehr ist als Panoramen, wie sie u.U. schon vielfach gesehen wurden.
Die Kapitelunterteilung zeigt außerdem deutlich, dass man für atemberaubende neuseeländische Natur nicht zwangsläufig auf Mehrtageswanderungen gehen muss. So sind im Kapitel „Neben Straßen“ Bilder zu finden, für die ich mit dem Mietwagen kurz links rangefahren bin und mich nur wenige Schritte vom Auto entfernen musste. Die Bilder aus den Städten („Auf Straßen“) machen klar, dass Neuseeland mehr ist als wunderschöne Landschaft. Auch kulturell hat dieses Land einiges zu bieten.

* Fotografieren Sie sonst eher digital oder auch analog und welche Motive?

Ich photographiere mittlerweile ausschließlich digital. Vor ca. 5 Jahren habe ich die Grundlehre bei Friederike von Behren besucht, bei der man ausschließlich analog photographiert. Dieses Seminar hat mir wesentlich weitergeholfen. Sowohl in meiner Kenntnis über die technische Seite der Photographie, als auch im Prozess des Photographierens, welcher durch dieses und weitere Seminare immer bewusster wurde und sich vom Schnappschuss im Automatikmodus immer weiter entfernte.
Motivisch bin ich dabei vorwiegend in der Landschaftsphotographie unterwegs. Dazu gehören für mich allerdings auch Motive mit Menschgemachten à la Baltz, R. Adams und Faure um nur einige Inspirationen zu nennen. Dieses Spannungsfeld von Natur und Menschgemachtem habe ich schließlich auch in meiner Masterarbeit „Utopie und Dystopie in der zeitgenössischen Landschaftsphotographie“ thematisiert.

* Lukas Gruenke, warum analog mit einer Mittelformatkamera und Rollfilm und warum nicht digital?

Ich fotografiere beides gern. Wenn es um Landschaften geht wähle ich aber immer den analogen Weg. Eine Landschaft läuft einem nicht weg, sie erfordert keine blitzschnellen Reaktionen und ist daher ideal für eine Aufnahme auf Film, die immer Zeit, Geduld und genaue Planung erfordert. Außerdem besitzt ein analoges Bild eine gewisse „Seele“, die digital nicht nachgeahmt werden kann. Rollfilm wähle ich dabei quasi als Kompromiss, denn die Größe und damit die Qualität des Negatives ist weitaus höher als beim Kleinbild. Noch höher wäre sie natürlich im Großformat an der Plattenkamera, nur schreckt auf Reisen das Gewicht und die Größe des Equipments ab. Daher Mittelformat und Rollfilm als Kompromiss.

* Was hat es mit der Perspektive auf sich? Distanz oder Nähe?

Prinzipiell finde ich beides schön, es gibt wahnsinnig schöne Nahaufnahmen von Ansel Adams oder Andreas Feininger, allerdings finde ich mich selbst immer bei den Aufnahmen aus der Distanz wieder. Ich mag den weiten Blick, das Gefühl sich als Mensch vor der gewaltigen Natur auf einmal wieder ganz klein zu fühlen. Ich denke wir fühlen uns viel zu selten so, was daran liegt, dass wir meist kaum unberührte Natur in unserer unmittelbaren Umgebung finden.

* Wie unterscheiden sich Ihrer Meinung nach die beiden Länder?

Im Bezug auf die Landschaft ist Neuseeland vielfältiger als Südafrika. Es gibt wesentlich krassere Unterschiede zwischen den verschiedenen Teilen des Landes. Man kann auf einen Gletscher steigen und in den Urwald gehen, sich über Mücken ärgern, frieren und ein paar Kilometer weiter schwitzen. Südafrika war atemberaubend, besonders Kapstadt und die Umgebung drum herum waren ein Traum, wenn es allerdings um unberührte, gigantische Naturszenarien geht, liegt Neuseeland klar vorn. Besuchen würde ich beide Länder noch einmal und kann es auch nur jedem empfehlen!

* Fotografieren Sie sonst auch eher analog oder digital – und welche Motive?

Sagen wir es so, um die Miete zu bezahlen greife ich natürlich zur Digitalkamera und fotografiere damit hauptsächlich Hochzeiten. Das stellt einen schönen Kontrast zu der langsamen, fast schon spirituellen analogen Fotografie da, denn bei Hochzeiten geht es nur um die richtigen Momente und hierfür muss ich schnell sein. Neben den Hochzeiten fotografiere ich gerne Menschen, ob im Portrait oder als Pärchen, ob digital oder analog, im Studio oder in der Natur. Momentan liebe ich das Fensterlicht sehr und verzichte gerne auf Blitze. Zu Hause muss man sich zwar manchmal zwingen auch mal wieder einen Rollfilm in die Zenza Bronica zu legen, um nicht aus der Übung zu kommen, doch oft siegt auch die Bequemlichkeit der digitalen Möglichkeiten.

* Friederike von Behren, Sie haben das Thema Landschaftsfotografie für die Ausstellung, sowie Caro Haas und Lukas Gruenke ausgewählt. Wie kam es zu diesen Entscheidungen?

Diese Entscheidungen sind sicherlich eine Mischung aus Überlegung und Zufall.
Die Thematik ist im Fach Photographie neben dem Portrait ein häufig verfolgtes Thema und in seiner Durchführung immer wieder interessant, da die Positionen und Herangehensweisen so vielfältig sind wie es Landschaften gibt.
Der Zufall wollte es, daß zwei Studierende – Caro Haas und Lukas Gruenke – sich fast zeitgleich aufmachten, die „andere Seite“ der Welt zu erkunden. Beide kamen mit interessanten Ergebnissen zurück, die künstlerischen Positionen ließen sich überaus gut miteinander kombinieren.

* Wie unterscheiden sich die beiden Positionen?

Es ist die Art und Weise der Naturbetrachtung die sich mit den beiden Begriffen erlebte und dargestellte Natur beschreiben läßt. Schauen wir bei den Werken von Lukas Gruenke einem Caspar David Friedrich gleich auf die Landschaft, so begegnen wir dem was man „die hehre, die erhabene“ Landschaft nennt. Eine Landschaft, die in ihrer Größe und Weite überwältigend und – scheinbar – vom Menschen unberührt ist. Wir betrachten diese Landschaft aus der Distanz. Lukas Gruenke arbeitet in der klassischen analogen Photographie, seine Bilder sind schwarzweiß-Photographien einer farbigen Landschaft. Er arbeitet mit einer Mittelformatkamera mit Lichtschachtsucher. Alle aufgezählten Faktoren verweisen auf Langsamkeit und damit auch auf Kontemplation, auf Betrachtung, Statik und Ruhe. Seine Bilder aber transportieren bzw. bedienen auch anderes: und das sind Gefühle, ganz besonders das Gefühl der Sehnsucht, ganz besonders der Sehnsucht nach einer heilen Welt.
Die Landschaft, die uns Caro Haas in ihren Digitalbildern zeigt ist selbstverständlich auch hehr und überwältigend, bei ihr aber sehen wir Bilder, die wir nicht recht einordnen können, da sich ein Störfeld eingeschlichen hat. Es ist der Weg, der Pfad, den eigentlich niemand in seinen Bildern haben möchte, nicht zeigen möchte, um so eine unberührte Natur vorzugeben. Es ist aber genau dieser Weg, der für Caro Haas das Zentrum ist, von dem aus sie – und damit der Betrachter – in das Bild, in die Landschaft eintreten kann. Sie durchwandert das Land und erlebt die Landschaft, wir sind punktuell anwesend und erleben durch sie die Landschaft in Momentaufnahmen. Diese Landschaft ist nicht unberührt, die Wege weisen auf den Einfluß des Menschen hin. Die Wege geben uns die Möglichkeit, Landschaft zu erleben. Wir treten an die Stelle der wandernden Photographin, wir treten ein in eine Landschaft, wir werden in sie hineingezogen.

* Sie unterrichten an der Universität Osnabrück im Bereich Fotografie. Wie ist das Studium aufgebaut? Was ist Ihnen dabei wichtig?

Das Fachteilgebiet Photographie ist Bestandteil des Kunststudiums an der Uni Os, innerhalb dessen zum größten Teil Kunstlehrer ausgebildet werden. Der große Vorteil unseres Hauses ist die in der Tat große Anzahl an Werkstätten, in denen sich die Studierenden in den verschiedensten Techniken erproben können. Wenn ich als Kunstlehrer über die z.B. Radierung spreche, sollte ich sie selber beherrschen. Desgleichen gilt für alle Techniken der Kunst und somit auch für die Photographie. In einer gesunden Mischung aus Praxis- und Theoriekursen durchlaufen die Studierenden ihr Studium und spezialisieren sich im Bereich Bildende Künste bzw. Visuelle Medien.
Die Photographie wird seit einigen Jahren immer stärker auch im Kunstunterricht eingesetzt, 2018 ist sie sogar Schwerpunktthema im Abitur. Dieses steigende Interesse ist sicherlich auf die rasant voranschreitende Digitalisierung zurückzuführen. Ich halte es für absolut notwendig, daß trotz bzw. gerade wegen dieser Entwicklung die Studierenden einen Einblick in die analoge Photographie bekommen. Das Verständnis für Bilder, das Erlernen der Technik geschieht dann ganz selbstverständlich. Auch ist eine ständige Verzahnung von Theorie und Praxis notwendig. Nur was man tut hat man wirklich verstanden.

* Welche Erfahrungen können Ihrer Meinung nach beim Ausstellen gemacht werden?

Nicht nur für einen freischaffenden Künstler ist das Ausstellen des eigenen Werkes von großer Wichtigkeit. Die erste Erfahrung, die ein Student hier macht, ist die der Wertschätzung, ausgewählt zu werden unter einigen ist ein Ansporn zur Tätigkeit. Die zweite Erfahrung ist die der genauen Betrachtung und folgenden Entscheidung. Welches Bild soll in die Ausstellung, in der Photographie kommt die Entscheidung der Größe noch hinzu. Wird ein Bild besser, wenn es groß ist oder wird es besser, wenn es klein abgezogen wird. Mitunter muß man sich von seinem Lieblingsbild verabschieden (Kill your darlings!), da blutet so manches Herz. Ein wichtiger Lernschritt ist der Mut der aufzubringen ist, sich einem fremden Publikum zu stellen, indem das Werk ausgestellt wird, immerhin stellt man sich der Kritik und die kann so oder so ausgehen. Planung, Zeitmanagement, Finanzen, Verantwortung, Zuverlässigkeit sind weitere Erfahrungen und es gibt noch mehr.

Interview von Sonia Wohlfarth

 

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