33. Unabhängiges FilmFest Osnabrück

17. – 21. Okt. 2018
Das Filmprogramm

In fünf Tagen um die Welt
von Dr. Harald Keller

Das 33. Unabhängige FilmFest Osnabrück präsentiert internationale Filme mit Nicole Kidman, Elle Fanning, Chilly Gonzales, Amrita Acharia und fragt nach dem Verbleib des Bossa-Nova-Begründers João Gilberto.


Osnabrück. Im Oktober wird Osnabrück zum Sprungbrett in die weite Welt. Das Reisemittel: Filme auf der Großleinwand. Beeindruckende Bilder, eine Vielfalt an Themen. Die Tickets sind günstig – und bringen die Besucher bis nach Asien, Australien und Afrika, ebenso in verschiedene Gegenden Europas. „Focus on Europe“ ist eine der Sektionen des Unabhängigen FilmFest Osnabrück überschrieben, das in diesem Jahr sein 33. Bestehen feiert.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet traditionell das facettenreiche lateinamerikanische Kino. In der Festivalkategorie „Vistas Latinas“ besteht Ansteckungsgefahr – zum Beispiel könnte man sich mit dem „Virus Tropical“ infizieren. Vorlage für den gleichnamigen preisgekrönten Animationsfilm waren kesse autobiografische Comic Strips von Powerpaola alias Paola Silguero.
Auch die brasilianische Musikrichtung Bossa Nova kann unter die Haut gehen. Der französisch-schweizerische Filmemacher Georges Gachot ist regelrecht süchtig, hat schon viele Stars dieser Musikrichtung porträtiert, nur einen nicht: den geheimnisumwobenen Bossa-Pionier João Gilberto, der mit seiner früheren Ehefrau Astrud Gilberto und dem Saxofonisten Stan Getz den Song „The Girl from Ipanema“ zum Welthit machte, sich aber schon vor Jahren aus der Öffentlichkeit verabschiedet hat. „Wo bist du, João Gilberto?“, fragt sich Gachot und macht sich auf die Suche, steuert bekannte Lebensstationen des legendären Musikers an und erzählt über dessen Biografie zugleich die Geschichte der Bossa Nova. Er trifft prominente Interpreten wie Miúcha, Roberto Menescal, Marcos Valle, João Donato, der auch die Musik zu diesem Dokumentarfilm beisteuerte. Marcos Valle erklärte dem Interviewer Marc Fischer das Wesen der Bossa Nova folgendermaßen: „Die Idee war: Die Musik soll dein Leben und dein Land ein bisschen besser machen, ohne dumm zu sein.“ Diese lässige Klugheit und leichte Melancholie der Bossa Nova weht auch durch diesen Film.
Hiphop, Electro, Klassik – der Universalkünstler Chilly Gonzales kennt keine Berührungsängste. Jeder Auftritt ist eine Inszenierung, ob vor der Bundespressekonferenz in Berlin, im ehrwürdigen Konzertsaal oder als Interviewpartner der Schriftstellerin Sibylle Berg in der Musikerbiografie „Shut Up and Play the Piano“. In dem Film von Philipp Jedicke wirkt neben anderen musikalischen Weggefährten wie Leslie Feist, Peaches, Thomas Bangalter von Daft Punk, Jarvis Cocker, Boys Noize das Kaiser Quartett mit. Das Hamburger Streichquartett, bestehend aus Adam Zolynski, Jansen Folkers, Martin Bentz und Ingmar Süberkrüb, begleitete Chilly Gonzales mehrfach auf der Bühne und bei Studioaufnahmen. Und über das Kaiser Quartett ergibt sich ein Bezug zu Osnabrück: Cellist Martin Bentz war es, der Chilly Gonzales nach Osnabrück lotste. In das Tonstudio Fattoria Musica, in dem 2014 das im Folgejahr veröffentlichte Album „Chambers“ eingespielt wurde. Produzent war Renaud Letang (Manu Chao, Feist). Martin Bentz vom Kaiser Quartett hatte zuvor schon einige Male mit Studioinhaber Benno Glüsenkamp zusammengearbeitet. Glüsenkamp erinnert sich: „Gonzo hat sich zuerst das Studio alleine angeschaut, um den Vibe zu fühlen und sich die Ausstattung anzuschauen. Danach ist er noch mal mit seinem Producer Renaud Letang vorbeigekommen und hat dann das Studio gebucht. Ich glaube, ihm war es wichtig, aus der Großstadt rauszukommen, um sich auf die Musik zu konzentrieren. So geht es übrigens vielen Künstlern, die hier zu Gast sind.“

Ganz anders tönt es in der Sektion „FilmFest Extrem“ mit Genrefilmen aus aller Welt. Hier begegnen wir unter anderem Nicole Kidman, Elle Fanning und dem britischen Schauspiel-Star Ruth Wilson, wie Kidman Preisträgerin eines Golden Globes. Alle drei zählen zum Ensemble der wahnwitzigen Komödie „How to Talk to Girls at Parties“. Neil Gaiman („American Gods“) als Autor der Vorlage und Regisseur John Cameron Mitchell blenden zurück ins London der 70er-Jahre. Die Punk-Bewegung explodiert, drei junge Burschen werfen sich ins Geschehen und hoffen darauf, bei einem der frechen Punk-Mädchen landen zu können. Sie geraten in eine obskure Wohngemeinschaft mit irritierenden Ritualen. Avantgardekünstler? Oder am Ende gar Außerirdische? Man wird sehen …
Großbritannien ist mit „White Chamber“ ein weiteres Mal in der Kategorie „Extrem“ vertreten. Regisseur Paul Raschid genügt ein einziger Schauplatz, um eine erschreckende, bereits heute durchaus plausible Zukunftsvision zu entwickeln. Eine Frau erwacht in der titelgebenden weißen Kammer. Ein Unbekannter spricht sie über Lautsprecher an, setzt sie Qualen aus, will Informationen. Doch wer ist sie überhaupt? Ein Zeitsprung fünf Tage zurück sorgt für eine überraschende Aufklärung. Mit im Ensemble: „Game of Thrones“-Star Amrita Acharia.
Im diesjährigen FilmFest-Programm finden sich gleich mehrere Titel, die in die Auswahl für den kommenden Europäischen Filmpreis aufgenommen wurden, darunter die Spielfilme „Under the Tree“ und „Die andere Seite von allem“ sowie die erschütternden Dokumentationen „A Woman Captured – Eine gefangene Frau“ und „The Distant Barking of Dogs“.
Beim 33. Unabhängigen FilmFest werden in diesem Jahr vier Preise in einem Gesamtwert von 16.500 Euro vergeben. Der Friedensfilmpreis, gestiftet von der Sievert Stiftung für Wissenschaft & Kultur, geht an einen Dokumentar- oder Spielfilm, der sich in herausragender Weise für humanes Denken und Toleranz ausspricht. Über die Vergabe entscheidet eine Jury, bestehend aus der Kulturjournalistin Jenni Zylka, dem Kameramann, Autor und Regisseur Andreas Köhler und dem Dokumentarfilmer Florian Weigensamer. Beide werden im Festivalprogramm außer Konkurrenz vertreten sein, Köhler mit dem weltumspannenden Familienporträt „Global Family“, Weigensamer mit „Welcome to Sodom“, seine gemeinsam mit Christian Krönes realisierte, bildstarke Dokumentation über Arbeit und Leben auf einer verpesteten ghanaischen Elektroschrottdeponie.
Alljährlich lädt das Unabhängige FilmFest Filme ein, die sich kritisch mit den Lebenssituationen von Kindern in aller Welt befassen. Aus diesen Programmbeiträgen kürt ein Gremium aus Schülerinnen und Schülern den Gewinner des Filmpreises für Kinderrechte, der vom Fachbereich Kinder, Jugend und Familien der Stadt Osnabrück mit 2.000 Euro ausgestattet wird.
Auch die Festivalbesucher werden zu Juroren: Sie befinden über den besten Kurzfilm des Festivals. Der Studierendenrat der Universität Osnabrück honoriert den Gewinner mit 500 Euro. Eine gesonderte Auszeichnung wird an den filmischen Nachwuchs vergeben. Eine studentische Jury wählt den besten studentischen Kurzfilm und kann über ein vom Studentenwerk Osnabrück gestiftetes Preisgeld in Höhe von 1.500 Euro verfügen.
Das 33. Unabhängige FilmFest Osnabrück findet statt vom 17. bis 21. Oktober 2018. Spielstellen sind die Osnabrücker Kinos Cinema Arthouse, Filmpassage, Filmtheater Hasetor, Haus der Jugend, Lagerhalle. Die Filmaufführungen werden von einem umfassenden Rahmenprogramm wie einer Retrospektive zum Thema „Krieg und Protest“ begleitet. Alle Daten und Termine unter www.filmfest-osnabrueck.de.

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